Von Estalla nach Santiago zu Fuß

Unser Pilgerweg von Estella nach Santiago de Compostela.

Am 19. April 2004 starteten wir mit dem Auto von Schleidweiler nach Estella, wo wir unseren Pilgerweg nach Santiago beginnen wollten. Nach 2 Tagen gemütlichen Fahrens über Frankreichs Nationalstraßen trafen wir am Nachmittag des 21. April in Estella ein. Dank unserer Bekannten von der dortigen Bruderschaft konnten wir das Auto in einer Garage unterstellen. Wir übernachteten in der gut geführten Pilgerherberge und begannen früh am nächsten Morgen unseren Fußweg, vorbei an Kloster Irache, dessen „Weinhahn“ aber so früh noch nicht zu einer Spende bereit war.


Mit Herrn Moran vor Kloster Irache beim Wein kosten

Unser Ziel war Los Arcos, wo wir in der von flandrischen Freiwilligen geführten Herberge übernachteten. Am Abend konnten wir die Pilgermesse besuchen, an deren Schluss die Pilger vom Pastor nach vorne gebeten wurde, um den Pilgersegen zu empfangen.
In Logrono, am folgenden Tag, hatten wir Gelegenheit, in der sehr gut geführten Herberge, unsere Wäsche zu waschen. Bei warmem Wetter erreichten wir am nächsten Tag Najera, wunderschön an einem Fluß gelegen. Die Pilderherberge ist in einem ehemaligen Klostergebäude mit sehr stimmungsvoller Atmosphäre untergebracht. Auch hier erlebten wir eine Messe mit Begrüßung der Pilger. Die Etappe von Najera nach Granon führte über Santo Domingo de las Calzadas, wo wir uns die Kathedrale und natürlich den Käfig mit den lebenden Hühnern anschauten..

In Granon wird der Geist der Pilgergemeinschaft mit gemeinsamem Abendessen und anschließender Abendandacht gepflegt. Wir waren in einem Nebengebäude der Kirche untergebracht. Am Ende unserer nächsten Tagesetappe in Villafranca Montes de Oca stellten wir zu unserem Schrecken fest, dass die Herberge im Umbau begriffen war und alle Räume eigentlich unbenutzbar waren. Wir fanden , Gott sei Dank in dem einzigen Gasthof des Ortes noch ein Zimmer. Späterkommende mussten in den Räumen des Umbaus übernachten, ohne Wasser und Toilette. Sie wuschen sich am Brunnen draußen und benutzten die Toilette des Nachbarhauses. Es ist generell angeraten, sich vorher zu erkundigen, ob eine Herberge geöffnet ist. Am nächsten Tag fanden wir in Rabe de las Calzadas eine private Herberge mit gemütlichen 8-Bett- Zimmern. Die Besitzerin bot ein Abendessen und wir - 4 Franzosen,2 Belgier und 4 Deutsche- aßen gemeinsam und unterhielten uns noch lange. Das Frühstück am nächsten Morgen stärkte uns und so erreichten wir nach einer anstrengenden Tour über Hügel und Täler Catrojeriz, in dem man zwischen 2 Herbergen wählen kann.

Wir entschieden uns für die neue „San Esteban“, in dem ein sehr freundlicher und besorgter Hospitalero waltete. Trotz großem Schlafraum (Etagenbetten und Matratzenlager) war es angenehm ruhig. Der Weg begann am nächsten Tag hinter Castojeriz mit steilem Anstieg bei heftigem , kalten Wind, aber wir wurden beim Abstieg in ein wunderschönes weites grünes Tal mit herrlicher Aussicht belohnt. In Fromista übernachteten wir in einer angenehmen Herberge mit 6-Bett- Zimmer, wo wir das belgische Paar wiedertrafen. Es war immer sehr schön, wenn man Pilger vom Weg oder aus vorigen Herbergen wieder traf. Man tauschte dann Erlebnisse und Erfahrungen aus. Der nächste Tag hatte Regen für uns bereit, die Wege waren glitschig, der Lehm klebte an den Schuhen und machte sie schwer. Ziemlich nass erreichten wir Carrion de los Condes, wo wir uns, trotz mehrerer Pilgerherbergen, ein Hostal mit einer schönen warmen Dusche gönnten und die Möglichkeit hatten, die Kleider zu trocknen.

Der nächste Tag war freundlicher Terradillos de los Templarios, einem Dorf mit Häusern in Lehmbauweise, fanden wir eine angenehme private Herberge, wo wir im Garten in der Sonne sitzen konnten. Die Besitzerin bot ein gutes Pilgermenu an und wir aßen bei Kaminfeuer. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen brachen wir nach El Burgo Raneiro auf, dessen Herberge auch in Lehmbauweise gebaut war. Leider war es mit der Ruhe nicht so gut bestellt, denn ein alkoholisierter junger Mann konnte sich absolut nicht einfügen und wurde dann in der Nacht mit Hilfe der Polizei aus der Herberge entfernt. Es war auf dem Pilgerweg kein Einzelfall, dass Alkohol im Spiel war und sich dann unliebsame Ereignisse abspielten.


Zwei müde Pilger vor der Kathedrale in Burgos

Mansilla de las Mulas ,unsre nächste, etwas kurze Etappe, hatte mit Laura und Wolf (letzterer ein deutscher Freiwilliger, schon etwas älter, raue Schale, weicher Kern) zwei „Herbergseltern“ die sich um alles kümmerten, trotz großen Andrangs ein offenes Ohr hatten und eine angenehme Atmosphäre schufen. Die nächste Etappe nach Leon war unangenehm, weil der Weg teilweise gefährlich nah an der Straße vorbeiläuft. Bei sehr kaltem Wetter erlebten wir ,dass die Herberge der Benediktinerinnen, die wir gewählt hatten auch im Umbau begriffen war und wir mussten in der Turnhalle übernachten. Leider wurde mein Mann von heftigen Magen-Darm-Problemen gequält, so dass wir uns entschlossen, am folgenden Tag bis Hopital de Orbigo mit dem Bus zu fahren und dann bis Astorga zu gehen. Die private Herberge in direkter Nähe der Katedrale war sehr stilvoll eingerichtet. Es brannte ein angenehmes Kaminfeuer und wir fühlten uns wieder wohl.

In Rabanal del Camino (9oo m Höhe) vor dem Aufstieg zum Cruz Ferro bot uns die von englischen Jakobsbrüdern geleitete Herberge ein Erlebnis der besonderen Art: Punkt 14.30 Uhr öffnete sich die Herbergstür und heraus trat der Herbergsvater, mit seinem wallenden grauen Haar und dichtem Bart dem Hl. Jakobus nicht unähnlich, breitete die Arme aus und hieß uns herzlich willkommen. Aber er versäumte es nicht, uns sehr deutlich die Herbergsregeln mitzuteilen. Danach zeigte er uns die Schlafräume und bat uns dann nach einer Weile zu Tee und gebuttertem Toast in das Kaminzimmer mit einem wärmenden Feuer. Beides war eine Wohltat an diesem kalten Tag und wir fühlten uns alle sehr wohl bei vielen Gesprächen. Zum Abschluss des Tages bat uns der Herbergsvater zu einer gemeinsamen Andacht in die nahe gelegene Kirche. Diese Andacht wurde von zwei Benediktinermönchen gehalten, die uns mit Chorgesängen erfreuten. Von einzelnen Pilgern wurde dann die Lesung in jeweils ihrer Sprache vorgrtragen. Alles in allem ein sehr beeindruckendes und unvergessliches Erlebnis.

Trotz ständigen Aufstiegs am nächsten Morgen zum Cruz Ferro gehörte dieser Teil des Wegs zu den landschaftlichen Höhepunkten: strahlend blauer Himmel, Sonnenschein und rundherum die Kulisse der schneebedeckten Berge von Leon. Auch die Kälte konnte dem keinen Abbruch tun und weil das Gehen so wunderbar leicht fiel, schafften wir die 34 km bis Ponferrada. Natürlich war dann ein Bummel zur Altstadt und der Templerburg unumgänglich. Obwohl die Herberge recht groß ist, vermittelt sie mit ihren gemütlichen 4-Bett-Zimmern doch Behaglichkeit. In hartem Kontrast stand dagegen das Erlebnis in der städtischen Herberge von Villafranca del Bierzo. In unserem Zimmer (2 Engländer 4 Deutsche, 1 Baske) spielte sich in der Nacht ein sehr unappetittliches Schauspiel ab, bei dem wir gezwungen waren, unsere Matratzen zu nehmen und in den Aufenthaltsraum zu „flüchten“ um in Ruhe und ohne Gestank schlafen zu können. Auch hier war übermäßiger Alkoholgenuss des jungen Basken die Ursache. Leider waren die Herbergsleute nicht anwesend und es war kein Ansprechpartner da, den Missstand abzustellen. Sicherlich war es ein Ausnahmefall, aber wir würden eher die private Herberge der Familie Jato emphfehlen, ein paaar Schritte entfernt.


Warten vor der Herberge in Mansilla de las Mulas

Der nächste Tag entschädigte uns mit dem Weg durch das schöne Valcarce-Tal und den gar nicht so schlimmen Aufstieg zum Cebrero- Pass. Der Ort Cebrero mit seinen interessanten Palloza-Häusern ist sehr überlaufen und die Herberge, die stark von Schimmel befallen ist, war gut gefüllt. Von hier oben blickt man nach Galizien und man weiß, dass Santiago nur noch 150 km entfernt ist. Auch fiel das Gehen immer leichter in der wunderschönen Berglandschaft und Triacastela bietet als sehenswertes Städtchen mit zwei empfehlenswerten Herbergen ein lohnendes Ziel. Die beiden nächsten Etappen durch wunderschöne galizische Landschaft mit den Herbergen in Barbadelo, Hospital de Cruz konnten wir bei warmem Wetter genießen. Die Herberge in Melide am nächsten Tag machte auf uns einen eher unruhigen Eindruck, und da Edgar eine fiebrige Mandelentzündung hatte, nahmen wir uns ein Hotelzimmer. In einer Apotheke erhielt ich ohne ärztliches Attest ein Antibiotikum für ihn. Wir waren natürlich froh, keinen Arzt suchen zu müssen.

Gott sei Dank fühlte sich Edgar am nächsten Tag wieder etwas besser und so konnten wir unsere vorletzte Etappe bewältigen. Sie führte uns in die private Herberge in Santa Irene,. Hier war es wunderbar ruhig, die Betten waren bezogen, es gab zum Duschen Handtücher, der Garten lud zum Sitzen ein und am Abend bereitete die Besitzerin ein schackhaftes Essen, sowie am nächsten Morgen ein gutes Frühstück. Das hat nätürlich auch seinen Preis: Übernachtung 10 Euro, Abenesssen 8 und Frühstück 5 Euro. Die letzen 24km bis Santiago sind zum größten Teil stressig, hektisch, lärmend, weil der Weg an Straßen und vor allem am Flugplatz vorbeiführt. Ich hatte im Vorfeld die Vorstellung, dass es ein ungeahntes Hochgefühl sei, auf dem Monte Gozo zu stehen und auf die Stadt herunterzublicken, das Wunschziel vieler Monate vorher und vor allem der 25 Pilgertage. Ich musste enttäuscht feststellen, dass ich ausgesprochen „cool“ reagierte und einfach konstatierte, dass wir angekommen waren.

In der Stadt selbst war „die Hölle los“. Es war Sonntag (16. Mai) die Stadt voller Fuß- und vor allem Buspilger, die vor der Kathedrale Schlange standen, um den Hl. Jakobus zu umarmen oder durch das Glorientor einzutreten, um die Pilgermesse mitzufeiern. Überall erklang Musik aus den zahllosen Bars und Restaurants. Aber dann kam doch dieses unbeschreibliche Gefühl da zu sein, es geschafft zu haben und zwar als wir die 3 Brasilianerinnen und mit ihnen den älteren spanischen Herrn, wiedersahen, die wir während der Zeit öfter auf dem Camino und in den verschiedenen Herbergen getroffen hatten. Wir umarmten uns alle und wünschten uns Glück, dass wir in Santiago de Compostela angekommen waren. Da war auch dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Freude füreinander , dass wir trotz mancher Widrigkeiten das Ziel erreicht hatten. Da war auch das Wiedersehen mit der älteren Holländerin, schon eine gute Bekannte von vielen Herbergen und Wegetappen, die auch angekommen war. Da waren aber auch die Gedanken an die krebskranke junge Berlinerin, die schon zum wiederholten Mal den Camino auf sich genommen hatte. Ob sie diesmal auch angekommen war?.Da war auch der Gedanke an den Belgier, der öfter mit uns in den Herbergen das Zimmer teilte und am nächsten Morgen dann mit uns in irgendeiner Bar auf dem Weg frühstückte und uns dabei erzählte, dass er in dieser Zeit seinen 70. Geburtstag feiert. Sein Geburtstagsgeschenk für diesen Tag war, das er „fein angezogen“, wie er sagte, in Santiago de Compostela einmarschieren wollte. Ich habe keinen Zweifel, dass er es geschafft hat, denn er war noch sehr fit.

Wie viele Pilger wollten wir auch Cap Finisterre erleben, die eigentliche Endstation des Camino. Wir gönnten uns eine Busfahrt dorthin und erlebten „das Ende der Welt“ in hellem Sonnenschein. Aber der Blick von dort auf den weiten Ozean lässt einen den Namen verstehen. Der Rückweg von Santiago nach Vitoria in einem bequemen Reisebus und von Vitoria in einem Regionalbus nach Estella war völlig unproblematisch und sehr preiswert.(37 +17 Euro) Der Überlandbus fährt weiter bis Bilbao, von wo man nach Deutschland zurückfliegen kann. In Estella wurden wir wieder herzlich aufgenommen, verbrachten die Nacht in der Herberge, wurden am nächsten Tag als Mitglieder der Jakobusbruderschaft Trier im Rathaus empfangen und fuhren dann mit Herrn Jacinto Moran zu den Weinkellereien des Klosters Irache, wo wir den Wein aus dem Weinhahn kosten durften, was uns am ersten Tag unserer Pilgerreise entgangen war. So schloss sich hier der Kreis unserer 25tägigen Pilgereise nach Santiago de Compostella. Wir ließen uns mit der Rückreise über Lourdes und durch Frankreich viel Zeit um die vielen Eindrücke langsam zu verarbeiten und kamen körperlich und seelisch ausgeruht zu Hause an.

Was macht den Camino so unverwechselbar und so unvergesslich, dass wir sofort wieder aufbrechen würden? Es gibt vieles, was man einfach nicht definieren kann, was sich bei jedem persönlich im seelischen Hinterstübchen abspielt. Aber es sind auch die vielen Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, mit denen man sich verbunden fühlt, weil man eines Sinnes ist und ein gemeinsames Ziel verfolgt. Es sind die vielen Gespräche:mit Menschen aus aller Welt und die Gesten der Hilfe.Ich denke an die drei Baskinnen, die immer so viel Frohsinn und auch Stimmung in den Herbergen verbreiteten. Sie haben mir Mut gemacht und eine Salbe besorgt, als meine Füße von Blasen gequält waren und ich die Fortsetzung unseres Wegs schön gefährdet sah. Ebenso denke ich an das französische Ehepaar, dass in der Herberge von Hospital de Cruz sofort aus ihrer Apotheke ein fiebersenkendes Mittel für Edgar anbot. Plötzlich hat man auch so viel Zeit für sich , für die Anderen, für Gott und für die Landschaft um einen herum. Die Sinne werden geschärft und der Kopf denkt klarer, weil die tägliche Hektik fehlt. Man genießt das abendliche Pilgermenü mit der obligatorischen Flasche Wein oder morgens den „cafe con leche“ in einer urigen Kneipe in irgendeinem kleinen Ort. Für uns war es ein Programm der Rundum-Erneuerung, dass wir nur wärmstens zur Nachahmung empfehlen können.

Rosemarie und Edgar Köhn

Pilgerweg in Zahlen (Entfernungen, Kosten usw.) [6 KB]


Rast vor Castrojeriz


Von Berlin nach Jerusalem
Jakobuspilger der Pfarrei Nachtsheim