Gedankensplitter

Protestanten werden Wallfahrer
„Josefs Hosen, die tun's“

© Rheinischer Merkur Nr. 30, 22.07.2004

Autor: WOLFGANG THIELMANN

Der rheinische Präses Peter Beier brach das Eis. Er, der Protestant, der den Berliner Dom wieder einweihte. Als sein katholischer Kollege Hermann Josef Spital eine Einladung des Bistums an die Evangelische Kirche im Rheinland zu einer ökumenischen Veranstaltung initiierte, bei der Heilig-Rock-Wallfahrt mitzumachen, da sorgte er für ein ökumenisches Ja. Riss ihn der ökumenische Schwung so mit, dass er gleich ein Wallfahrtslied dichtete? Er hat jedenfalls den Weg gebahnt für die Beteiligung von Protestanten an Wallfahrten, selbst wenn sie in Zusammenhang mit der Reliquienverehrung stehen. Nachdem Trier die Wallfahrt erstmals konsequent christologisch deutete, konnte Beier den Faden theologisch aufnehmen: „Der ungeteilte Heilige Rock kann ein greifbares Zeichen sein für die Einheit, die Christen verschiedener Konfessionen suchen. Wir machen sie nicht, aber in Christus ist sie schon da, und wir sind zu ihm unterwegs. So verstehe ich Wallfahrt, und deshalb müssen Protestanten keine grundsätzlichen Bedenken dagegen haben.“
Das ist acht Jahre her, und seitdem haben sich zahllose evangelische Pilger auf den Weg gemacht, ökumenische Pilgerpfade wurden eröffnet, und auf dem Weg nach Santiago de Compostela gibt es inzwischen evangelische Stationen.
Beiers Brückenschlag fand sofort Verständnis. Da es um die Einheit der Kirche gehe, „würde Martin Luther sich nicht im Grab herumdrehen, sondern sich heute an der Wallfahrt beteiligen“, befand der damalige bayerische Synodenpräsident und frühere Wohnungsbauminister Dieter Haack großzügig.
Luther – keiner hat so über Pilger gehöhnt wie er. Die Santiago-Fahrer brächten sich völlig unnötig in Gefahr: „Man waißt nit ob sant Jacob oder ain todter hund oder ein todts roß da liegt“, giftete er wegen der historischen Probleme um die Heiligengebeine. Noch in seiner letzten Predigt am 15. Februar 1546 wütete er dagegen, dass Wallfahrten zu Reliquien das christliche Leben ersetzen sollten: „Da sitzet der Kautz zu Rom und locket alle Welt zu sich mit jrem Gelt und Gut, Da ein jeglicher zu seiner Tauff, Sacrament und Predigstuel lauffen sollte. Denn wir sind ja damit reichlich geseligt, dass wir wissen, dass Gott mit uns redet und mit seinem Wort uns speiset, gibt uns seine Tauffe, Schlüssel etc. Aber da sagen die rohen, gottlose Leute dagegen, was Tauffe, Sacrament, Gottes Wort? Josephs Hosen, die thuns!“
1510 war er selbst zum ersten und einzigen Mal nach Rom aufgebrochen, und zeitlebens erinnerte er sich mit Ekel daran. Das Zentrum der Frömmigkeit und Kultur schockierte ihn: Überall wurde den Pilgern Geld für den im Bau befindlichen Petersdom abgeknöpft, die heiligen Stätten vermarktet. Der Schock wirkt bis hinein in das Augsburger Bekenntnis von 1530: Pilgerfahrten zählten zum „kindischen und unnötigen Werk“, das keiner Erläuterung bedürfe. Schon der eine Generation zuvor gestorbene Thomas von Kempen hatte in seinem bekanntesten Werk, der „Nachfolge Christi“, kritisch angemerkt, dass das damals exzessiv geübte Pilgern oft ein Ersatz für gelebte Frömmigkeit sei: „Wer viel pilgert, wird selten heilig.“
Fachleute vermuten, dass Luthers Bibelübersetzung deshalb auch dem Begriff der Wallfahrt zum sprachlichen Durchbruch gegenüber dem aus dem Lateinischen stammenden Begriff des Pilgerns verhalf. Noch heute findet sich der „Pilger“ in der Lutherbibel nur ein einziges Mal. Doch haben die Fernwallfahrten als christlicher Brauch auch in protestantischen Gebieten überlebt. Erst die Bewegung des Pietismus führte den Begriff des Pilgerns wieder in den evangelischen Sprachgebrauch ein, als Synonym für das von irdischen Gütern losgelöste Leben nach dem Vorbild Jesu. Gerhard Tersteegen, der große evangelische Mystiker, dichtete 1738 ein Lied, das heute noch im „Evangelischen Gesangbuch“ steht: „Man muss wie Pilger wandeln, frei, bloß und wahrlich leer, viel sammeln, halten, handeln macht unseren Gang nur schwer.“
Immer noch bleibt ein theologischer Spagat zum ökumenischen Pilgerweg etwa ins thüringische Kloster Volkenroda, eine Gründung unter Mithilfe des lutherischen Zisterzienserklosters Loccum. Der jetzige stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD und territorial zuständige Landesbischof Christoph Kähler bezeichnete das Pilgern als „Beten mit den Füßen“, als er die 1500 Erstbegeher begrüßte. Gepilgert wird jedenfalls wieder ökumenisch.
Auch wenn man eine frühe Wiederannäherung als Aberration kritisieren muss, 1933 – zum 450. Geburtstag des Reformators – lud der Festausschuss seiner Geburts- und Sterbestadt Eisleben ein zur „Wallfahrt an die geheiligten Stätten der Luthererinnerung“.